
Immer mehr Frauen von Essstörungen betroffen
30 Prozent aller Patientinnen und Patienten der Adulaklinik in Oberstdorf leiden an schweren Essstörungen. Diese Zahl ist auch deshalb erschreckend, weil laut Professor Dr. Horst Kächele, führender Psychotherapie-Forscher in Deutschland, höchstens zehn Prozent aller Erkrankten überhaupt eine Therapie beginnen, die Dunkelziffer also sehr hoch ist.
Bei einer ländlich strukturierten Bevölkerung wie im Oberallgäu sei mit elf Prozent Betroffener zu rechnen. Mit der Selbsthilfegruppe "Overeaters Anonymous" versucht die Adula-Klinik, essgestörten Oberallgäuerinnen unabhängig von einer stationären Therapie zu helfen.
"Fassungslos müssen wir sehen, dass Menschen am gedeckten Tisch unserer Gesellschaft verhungern", fasst Diplom-Psychologin Siglinde Masel die Gefühle der Therapeuten angesichts einer wachsenden Zahl von Bulimikerinnen und Anorektikerinnen zusammen. Von Essstörungen betroffen sind meistens Frauen, obwohl laut Kächele die Männer "nachziehen".
Diese Erkrankungen standen am Wochenende im Mittelpunkt einer Informationstagung für Ärzte und Therapeuten in der Adulaklinik. In einer der weltweit größten Studien wollte Hauptreferent Professor Dr. Horst Kächele, Ordinarius für Psychosomatik und Psychotherapie an der Universität Ulm, herausfinden, wie hoch die "optimale Therapie-Dosis" sein muss, um eine hohe Erfolgsrate zu erreichen: "Sind zehn Jahre Therapie wie bei Woody Allen nötig oder reichen schon drei bis vier Stunden?", spitzte er die Fragestellung vor rund 100 interessierten Fachkräften zu.
Das Ergebnis seiner Forschung bei 43 Fachkliniken in Deutschland und 1247 Patientinnen: Die Behandlungsdauer spiele für einen Erfolg keine Hauptrolle. Sehr wichtig dagegen sei die "Interaktion", also das Zusammenspiel zwischen Therapeuten und Erkrankten. 25 Prozent aller stationär behandelten Essgestörten seien zweieinhalb Jahre nach der Therapie, die im Schnitt elf Wochen dauerte, frei von allen Krankheitssymptomen.
Ungnädiger innerer Richter
An welch großer inneren Not Erkrankte leiden und wie ihnen geholfen werden kann, schilderte aus langjähriger Praxis auch an der Adula-Klinik Siglinde Masel, heute an der Psychiatrie in Nürtingen tätig. Mindestens so wichtig wie die Arbeit an den Symptomen sei die Arbeit an der Persönlichkeit der Betroffenen. Weil sie meist gar nicht ausdrücken könnten, warum sie ihr Leben aufs Spiel setzten, seien nicht-sprachliche Therapien wie Körper- und Musikarbeit sehr wichtig. Hungern, aber auch Selbstverletzung oder Schönheitsoperationen seien eine Möglichkeit, den Körper zu manipulieren und damit dem Gefühl der eigenen Ohnmacht eine scheinbare Allmacht entgegenzusetzen. Schwere Kontaktstörungen seien ebenso ein Symptom wie eine geistige lebensfeindliche, sehr negative Haltung und ein "ungnädiger innerer Richter", der selbst das perfekt Gelungene nicht anerkennt.
Ziel der Therapie müsse es sein, diese destruktive innere Stimme ins Positive zu wandeln. Das "Ausräumen von Speisen" sollte durch ein "Ausräumen von Verhalten" ersetzt werden.
Info: Kontakt zur Selbsthilfegruppe "Overeaters Anonymous"
und zur Adula-Klinik unter:
Fachklinik für Psychosomatik und Psychotherapie
Klinik Dr. Reisach
In der Leite 6
87561 Oberstdorf
Telefon 08322
709-0
E-Mail: info@adula-klinik.de